Martin Krenn

Die Fotoausstellung "World's End" befasst sich mit einem kleinen nordirischen Dorf in einer typisch irischen Grashügel-Landschaft an der Felsküste. Das Küstenland, welches das Dorf umgibt, ist Sperrgebiet und wird seit mehr als 100 Jahren von einer britischen Militärbasis okkupiert. Deshalb sind Luft- und Satellitenaufnahmen verboten. Auf Internet-Kartendiensten wie Google Maps sind der gesamte Landstrich und das Dorf unkenntlich gemacht. Martin Krenn gelang es dennoch, für seine Fotografien des Geländes und der Gebäude auf der Militärbasis eine Genehmigung der britischen Armee zu erhalten.
 
Der in Belfast und Wien lebende Künstler beschäftigt sich in seiner Arbeit mit den Wechselwirkungen zwischen geschichtspolitischen Phänomenen und ihrer Dokumentation. Dabei interessiert ihn besonders das Verhältnis zwischen Wort und Bild: Historische Ereignisse werden mit jeder Dokumentation neu erzählt. Durch die Verwendung von Bildern wird die Erzählung der Historie nicht nur illustriert sondern interpretiert und neu inszeniert. Die Bilder erfahren durch den Begleittext ihrerseits eine Verschiebung ihrer Bedeutung.

Acht großformatige Fotografien bestimmen die Ausstellung. Auf den ersten Blick sind es unverfängliche Aufnahmen von Landschaften und Interieurs. Die Bildunterschriften der Fotografien verweisen gleichermaßen auf das Sujet sowie auf den geografischen und geschichtlichen Kontext, ohne die Arbeiten auf bestimmte Schauplätze oder historische Ereignisse festzulegen. Das Bild eines offensichtlich für ein Kaffekränzchen gedeckten Tisches findet sich neben dem Gemälde eines modernen Schlachtfeldes. Eine aus der Entfernung beobachtete Robbenkolonie hängt in unmittelbarer Nähe eines im dichten Gestrüpp fast unsichtbaren uniformierten Soldaten. Sie alle verbindet ein in sich widersprüchlicher Ort, dem man einst den Beinamen “World’s End” gegeben hat.

Der gleichnamige Film zeigt Motive der Militärbasis, der umliegenden Landschaft und des Dorfes. Diese sind mit einer Erzählung unterlegt, die Krenns Gespräche mit Protagonist_innen des Films zusammenfasst. Wie schon bei den Fotografien werden auch hier die Gesetze des Dokumentarischen bewusst ausgehebelt, indem sowohl Ortsnamen ungenannt bleiben, als auch die Identitäten der Personen vage gehalten sind.

Gerade durch die Distanz zum Genre des Dokumentarischen zeigt die Ausstellung, dass sich die Geschichte eines Ortes immer aus Überlagerungen vieler Erzählungen zusammensetzt. Martin Krenn fügt ihnen, ohne besondere Gewichtung, seine persönliche Geschichte hinzu. In den Arbeiten löst sich die Grenze zwischen Fiktion und Realität auf, sie entziehen sich einer eindeutigen Zuordnung. Krenn stellt das Erlebte, Eigenes wie Überliefertes, über die Fakten seiner akribischen Recherche. Er entwickelt eine Methodik die es ihm ermöglicht, sich der konfliktreichen Geschichte dieses Ortes anzunähern, ohne dabei ihre Komplexität und Widersprüchlichkeit


WERKBESCHREIBUNG
Ich beschäftige mich in meiner Kunst mit soziopolitischen Themen.  Dabei arbeite ich mit unterschiedlichen Medien, vor allem mit Fotografie  und Video. Meist handelt es sich um Fotoserien oder Kurzfilme, die  einander auch zum Teil ergänzen. Die Projekte werden in Ausstellungen  aber auch im öffentlichen Raum realisiert.

Mich interessiert dabei besonders das Spannungverhältnis zwischen  Kunst und Gesellschaft. Wie kann Kunst in gesellschaftliche Prozesse  eingreifen, wie können über Kunst Machtverhältnisse neu erfahren und  hinterfragt werden? Welchen Wert misst die Gesellschaft aktueller Kunst  bei?

In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ist eine  „Repolitisierung" innerhalb der Kunstwelt zu beobachten.  Unterschiedliche Definitionen von „politischer Kunst" begleiten diesen  Prozess und erschweren es den tatsächlichen Wirkungsrahmen zu  verifizieren. Immerhin, die Vorstellung einer Kunst, die nur das  „Schöne" abbilden soll, verschwindet immer mehr aus der Gesellschaft.

In all meinen Fotoserien und Videos arbeite ich an einer  fotografischen Methode, die zwar Dinge, Räume und Ereignisse  dokumentiert, aber gleichzeitig dem Wahrheitsanspruch des  Dokumentarischen skeptisch gegenübersteht. So werden die meisten Fotos  nicht nur durch meinen Blick als Fotograf geprägt, sowohl Bildfindung  als auch Bildgestaltung werden durch unterschiedliche Faktoren von  „außen" mitbestimmt. So kann es sein, dass hinter dem Bild ein  partizipatorisches Projekt steht, oder aber es handelt sich um  re-fotografierte Schauplätze, die bereits in der Vergangenheit Eingang  in eine Publikation gefunden, oder sogar als Drehort für einen Spielfilm  gedient haben. Formale Aspekte sind in meiner Arbeit genau so wichtig,  wie die Inhalte welche verhandelt werden.

Ich denke, dass Kunst ganz besondere Möglichkeiten bietet, sich mit  der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Besonders spannend finde ich es,  wenn es gelingt über das Kunstfeld hinaus zu wirken, wenn durch Kunst  Diskussionen ausgelöst und herkömmliche Sichtweisen hinterfragt werden.  Dadurch kann in bestehende Machtverhältnisse eingriffen werden und  manchmal sogar real etwas verändert werden. Der Ästhetik kommt hierbei  eine zentrale Rolle zu.

AUSSTELLUNG | WORLD'S END | OKK/RAUM29